Karriere in MINT

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4 Portraits erfolgreicher Frauen in MINT-Berufen

Herzchirurgin Dilek Gürsoy, Foto: Nils Stelte

Karriere in MINT

Informatik, Ingenieurwesen, Maschinenbau und auch einige Bereiche der Medizin – noch immer sind viele Berufe stark von Männern dominiert. Vier Portraits von vier starken Frauen, die die „Boy‘s Clubs“ aufwirbeln.

Die Herzkünstlerin

Dilek Gürsoy  ist Herzchirurgin und die erste Frau Europas, die ein Kunstherz implantiert hat.

Dilek Gürsoy ist Herzchirurgin und die erste Frau Europas, die ein Kunstherz implantiert hat.

„Ich wollte immer schon Ärztin werden“, erinnert sich Dilek Gürsoy, Tochter einer türkischen Einwandererfamilie aus Neuss. Mussten ihr Vater oder ihre Mutter früher zum Hausarzt, blickte die kleine Dilek gebannt auf die weißen Kittel der meist männlichen Ärzte. „Damals dachte ich mir: Oh, das will ich auch machen!“
Als Dilek Gürsoy zehn Jahre alt war, starb ihr Vater an plötzlichem Herztod. Fortan wurde sie von ihrer Mutter alleine großgezogen. „Eine starke Frau, bis heute ein Vorbild für mich“, sagt sie. Nach dem Abitur stand ihr Berufswunsch weiterhin fest: Medizinerin. Um den Vorbereitungskurs für den Medizin-Eignungstest zu finanzieren, arbeitete ihre Mutter Extraschichten in der Fabrik. Dilek Gürsoy bestand den Test – und begann in Düsseldorf Medizin zu studieren.

Nach dem Studium fing sie als Assistenzärztin in Bad Oeynhausen an. Sie hatte Glück: Ihr Chef erkannte ihr Talent und förderte sie. Doch im OP-Saal hatte Dilek Gürsoy häufig mit Widerständen zu kämpfen. Die Chirurgie, und insbesondere die Herzchirurgie, sei eine Männerdomäne – mit harten Revierkämpfen. „Unter den Assistenzärzten gab es viele Reibereien und Neider“, erzählt die 42-Jährige. „Ich bin jedoch sonnig an die Sache herangegangen und habe nicht zu viel gegrübelt.“
Fleiß und die Beständigkeit machten sich bezahlt: Mittlerweile ist Dilek Gürsoy die erste Frau in Europa, die ein Kunstherz implantierte. Die OP machte Gürsoy in ganz Deutschland und darüber hinaus bekannt. „Bei der OP fühlte ich vor allem Ehrfurcht und Demut. Stolz kommt erst, nachdem der Patient die Klinik verlassen hat.“

2016 nahm Dilek Gürsoy eine Stelle als Oberärztin der Herzchirurgie im Klinikum Links der Weser in Bremen an. Abgesehen von einer Teilzeitkollegin war sie dort die einzige Frau in der Abteilung. „Im Besprechungsraum saß ich allein unter Männern mit offener Mähne und langen Ohrringen, wie ein Pfau.” Mehr Frauen würden Kliniken in jedem Fall guttun. „Kollegen, Schwestern und Patienten freuten sich, mal eine Frau zu sehen“, sagt sie. Um das endlich – nicht nur in der Medizin – zu ändern, engagiert sie sich auch. Zum Beispiel auf der herCAREER, der Leitmesse für weibliche Karriereplanung. Die Message ihrer Keynote und im Gespräch mit jungen Frauen: Geht selbstbewusst durch das Berufsleben. Seid nicht verbissen, aber lasst euch auch nicht die Butter vom Brot nehmen.

Mittlerweile hat Dilek Gürsoy übrigens ihre Stelle in Bremen gekündigt und ist auf der Suche nach einer neuen Herausforderung. Sie will Chefärztin werden.

 

Frau im Spiel

Jana Reinhardt  entwickelt Games – gender-neutral oder mit weiblichen Hauptcharakteren.

Jana Reinhardt entwickelt Games – gender-neutral oder mit weiblichen Hauptcharakteren.

Als Jugendliche war Jana Reinhardt begeisterte Comic-Zeichnerin. Heute erfindet sie lieber 3D-Welten auf dem Computer – mit dreidimensionalen Charakteren und interaktiven Umgebungen. Als Spiele-Designerin ist Jana Reinhardt vor allem für die grafische Umsetzung zuständig. Trotzdem seien technisches Grundverständnis und Programmierkenntnisse wichtig.
Ihr eigenes Knowhow erlangte sie unter anderem in ihrem Studium: Reinhardt studierte „Multimedia Design“ an der Burg Giebichenstein Kunsthochschule Halle. In ihrem Studium waren Programmieren und Computerspiele nur zwei Themen unter vielen. „Wir beschäftigten uns auch mit Aktzeichnen, Naturstudien oder Tonvasen.“ Das kreative Austoben sei wichtig für ihre Entwicklung gewesen.

Nach dem Studium entschied sich Reinhardt gegen eine Karriere bei einem großen Spielekonzern. „Während eines Praktikums habe ich gesehen, dass ich dort nicht meinen eigenen Stil hätte umsetzen kann.“ Gemeinsam mit ihrem Partner Friedrich Hanisch gründete sie stattdessen selbst ein kleines Indie-Game-Studio in Halle an der Saale: Rat King Entertainment.
Fotorealistische Grafiken findet man bei Rat King Entertainment keine, stattdessen Charaktere, die von der Norm abweichen. „Mich interessiert vor allem das Künstlerische, Handgezeichnete, Comic-Hafte oder Undergroundige“, formuliert es die 34-Jährige.

Noch werden Spiele hauptsächlich von Männern entwickelt. Jana Reinhardt findet aber, dass sich die Branche in eine gute Richtung bewege: „Es gibt immer mehr Frauen, die in die Spieleentwicklung gehen. Und es gibt immer mehr weibliche Charaktere, die nicht aus Political Correctness in die Spiele eingebaut werden, sondern weil man mit ihnen neue Geschichten erzählen kann.“ Die meisten ihrer eigenen Spiele sind allerdings gender-neutral. „Wir arbeiten eher auf einer Fabel-Ebene, mit Tierfiguren, die für bestimmte Themen stehen. Geschlechter sind eher nebensächlich.“ Jana Reinhardts aktuelles Spiel „Solitune“ hat hingegen einen weiblichen Hauptcharakter. Man übernimmt darin die Rolle einer überarbeiteten Büroangestellten, die sich und anderen Menschen vom Alltagsstress befreien will. Die Figur rettet Kollegen aus Papiertornados – die befreiten Menschen folgen ihr später als farbige Schafe.

Ihr Tipp für weibliche Game-Entwicklerinnen: „Vernetzt euch!“ Wer nicht Teil der männerdominierten Netzwerke sei, werde bei Konferenzen und Talks häufig übersehen. Und: „Lasst euch von einem Raum voller Männer nicht unterkriegen!“

 

Im eigenen Flow

Katharina Kreitz  hat sich mit ihrer Idee einer smarten Sonde selbstständig gemacht.

Katharina Kreitz hat sich mit ihrer Idee einer smarten Sonde selbstständig gemacht.

Alles begann mit einer Sonde. Die Ingenieurin Katharina Kreitz träumte von der kleinsten Strömungssonde der Welt. Eine Strömungssonde, die Druck und Geschwindigkeit von Gas oder Wasser bis ins kleinste Detail erfassen kann. Eine Sonde, die sich durch 3D-Druck individuell an ihren Einsatzort anpassen lässt. Die Münchnerin war sich nach dem Studium der Luft- und Raumfahrttechnik sicher: Mit einer solchen Sonde ließen sich Maschinen so entwickeln, dass sie weniger Energie verbrauchen und gleichzeitig mehr leisten können.

Im Jahr 2015, direkt nach dem Abschluss ihres Studiums, gründete Katharina Kreitz mit ihrer Idee ihr eigenes Unternehmen. Gemeinsam mit ihrem Kollegen Christian Haigermoser, Doktor der Aerodynamik, entwickelte sie einen Prototyp ihrer smarten Sonde – und taufte ihn „Vectoflow“. Die beiden hatten Erfolg: Ihr Startup wuchs von Jahr zu Jahr, mittlerweile nutzt Siemens die Technik für Gasturbinen oder Audi für ein Auto.
„Unsere Firma macht schon etwas extrem Nerdiges“, sagt die 31-Jährige und lacht. An ihren sprudelnden und enthusiastischen Erzählungen merkt man aber, wie sehr ihr die Arbeit in ihrem eigenen Unternehmen liebt. „Für die Arbeit in einem Konzern bin ich ohnehin längst zu versaut“, sagt Kreitz. Sie schätzt stattdessen die Freiheiten, die ihr ihre eigene Firma bietet: die freie Zeiteinteilung, die Flexibilität, die selbstbestimmte Arbeit.

Freilich gebe es auch Herausforderungen. Innerhalb der Ingenieurberufe sei der Bereich Messtechnik ganz besonders männerdominiert. Was sie an dem Ungleichgewicht besonders störe: Frauen werde oft weniger zugetraut als Männern. „Als Frau muss man viel mehr leisten als ein Mann“, sagt Kreitz. Bei der Klärung von Kunden-terminen werde sie mitunter schon mal gefragt: „Kommen Sie allein oder bringen Sie einen Experten mit?“

Katharina Kreitz begegnet solchen Erfahrungen mit Humor – und viel Hartnäckigkeit. Für andere Frauen hat sie einen wichtigen Rat: „Seid ein bisschen lauter!“ Zwar müsse nicht jede Ingenieurin eine Rampensau sein. „Aber man sollte es schaffen, auf sich aufmerksam zu machen, wenn man eine Sache gut gemacht hat.“

Frischer Wind

Zur Windenergie brachte Britta Krawczyk ihre Leidenschaft: das Regatta-Segeln. Die Bremerin wollte die Sache mit dem Wind und der Aerodynamik nicht nur an eigener Haut erfahren, sondern auch physikalisch verstehen. „Außerdem finde ich das Konzept der erneuerbaren Energien wichtig und interessant“, sagt die 27-Jährige.

Britta Krawczyk  hat sich als Ingenieurin bei Enercon beruflich der Windenergie verschrieben.

Britta Krawczyk hat sich als Ingenieurin bei Enercon beruflich der Windenergie verschrieben.

Nichts lag nach ihrem Bachelor-Studium der Energietechnik daher näher, als an der Hochschule Bremerhaven Windenergietechnik zu studieren. Drei Semester lang setzte sich Krawczyk mit der Windparkplanung, der Messtechnik und der Lastensimulation auseinander. Zeitgleich arbeitete sie als Werkstudentin bei der Firma Enercon, dem größten deutschen Hersteller von Windenergieanlagen.
Auch ihre Abschlussarbeit schrieb Krawczyk in Zusammenarbeit mit Enercon. Darin stellte sie sich die Frage, wie man bei der Produktion von Rotorblättern auftretende Risse bei Faserverbundstoffen besser und schneller erkennen kann. Die Arbeit wurde mit dem Förderpreis des Vereins zur Förderung der Hochschule Bremerhaven prämiert.
Heute arbeitet Krawczyk bei Enercon als Projektingenieurin im Bereich der Rotorblattentwicklung. „Ich betreue den gesamten Entwicklungsprozess für neue Rotorblätter“, erzählt die Ingenieurin. „Ich bin dazu da, den Überblick zu behalten und zwischen anderen Abteilungen und anderen Komponenten zu koordinieren.“
In ihrem Job ist sie eine von wenigen Frauen, genauso wie schon während ihres Studiums. Probleme habe ihr die Exotenrolle jedoch nie gemacht. Ihr Tipp an andere Frauen? „Macht das, was euch Spaß macht – und lasst euch nicht von anderen beirren, die sagen, das wäre nicht das Richtige!”